Engel in Erdlöchern
Der Himmel, und dort sitzt jemand auf einem Throne, und Engel flöten in ihren feuchten Höhlen….
Wir Menschen der Gegenwart leben in Überlieferungen und wir wissen, jede Zeit hat ihre Wahrheit.
Nehmen wir als Beispiel den Spruch oder die Überlieferung: Der Himmel ist über mir zusammengestürzt" ? Aus welcher Zeit mag dieser Text, diese Wahrheit wohl stammen?
Nehmen wir einmal an, er sei ca. 7000 vor Christus entstanden. Man könnte ja den Zeitpunkt genauestens bestimmen, so wie man das Alter von Materie bestimmen kann. Mit irgendeiner semantischen, sprachwissenschaftlichen Isotopenuntersuchung. Sind denn Worte nicht auch Materie? Materialisierte Gedanken oder Emotionen? Aber so eine Untersuchung würde viel Zeit und Geld abverlangen. Geld das niemand bereit ist zu spenden. Auf jeden Fall musste der Spruch bei seiner Entstehung Sinn machen und von den Menschen verstanden worden sein. Der Zeitpunkt der Entstehung ist wichtig.
Man kann davon ausgehen, dass es eine Zeit gab, eine Zeit vor diesem Spruch, eine Zeit, in der dieser Spruch keinen Sinn ergab. Die nachfolgende, ergänzende Überlieferung stammt aus dieser Zeit. (Vielleicht sind es auch nur Erläuterungen, und wir wären dann angeblich dem eigentlichen Zweck der Philosophie nahe).
Versetzen wir uns in diese Zeit: eine Zeit, in der der Himmel nicht oben, sondern unten war. Der Himmel sass im Erdinnern. Unter diesen Umständen, das ist sicher jedem klar, hätte ein Satz wie "der Himmel ist über ihnen eingestürzt" nur bedingt verwendet werden können. Man hätte ihn zwar aussprechen können, aber kein Mensch hätte den Sinn verstanden. Denn der Himmel war ja unter ihnen. Und die Menschen stürzen über dem Himmel ein. Eine Umkehrung des heutzutage potentiell Möglichen.
Was ist nun schlimmer? Wenn einem Menschen der Himmel auf den Kopf fällt, oder wenn der Mensch auf den sanften Himmel stürzt. Es muss ja so sein, sanft meine ich, denn der Himmel ist per Definitionem weich. Oder etwa nicht?
Wo sitzen die Engel, wenn sie nicht mehr auf Wolken dahinziehen können. Sitzen sie dann in dunklen Erdlöchern? Oder ist das Feuer des Innersten der Erde so heiss und so hell, das der unterirdische Himmel eine helle Leuchte ist? Man beachte die sprachformale Ähnlichkeit zwischen "helle" und "Hölle". Wäre es dem damaligen Menschen möglich gewesen, dies herausfinden? Wenn er nur tief genug gegraben hätte? Graben? Sie hatten ja Angst, die Menschen von damals, Angst tief in die Erde hinein zu graben. Angst vor der Helle oder Hölle, ist nicht ganz eindeutig… Der Leibhaftige! Der Hades! Sie haben einfach nicht konsequent nachgedacht. Sonst hätten sie spüren müssen, dass sie Angst vor einem Phantom hatten. Der Teufel? Warum auch? Narzissmus spiegelt sich in diesen Ängsten, ja, und nicht zum letzten Mal, ein unscheinbarer aber wirksamer Narzissmus zudem! Eine Überhöhung des eigenen Bösen. Verdammt, nach dem Tode in der Finsternis des Erdinnern weiterzuleben, und von dort unten herauf als vergeistertes, oder sollte man sagen als vergeistigtes Wesen den lebenden Menschen über ihnen aufzulauern, und sie einzufangen, bei jeder guten Gelegenheit. Und sie hinabziehen in das Reich der Helle. Ja so war das früher.
Gottseidank war die Realität damals nicht ganz so schlimm, und es erwartete die Menschen nicht die Helle, sondern der Himmel unter der Erde. Der Himmel, und dort sitzt jemand auf einem Throne, und Engel flöten in ihren feuchten Höhlen, ihre Haut ist ganz weich von der lehmigen Maskerade, zumindest bei den Engeln, die im sumpfigen Randgebiet, dem Vorhof des Himmels leben. Die anderen, die im Zentrum des Himmels promenieren, die sind ganz ausgetrocknet, glühend heiss sozusagen, aber Engel spüren das nicht, sie sind nicht aus Fleisch und Blut. Man kann sagen, sie sind feurige Wesen. Der Himmel dort unten kennt mehrere Sphären. Die Engel, die in den äussersten Schichten des Erdmantels leben, haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den Menschen. Also, so wird das vermutet. Denn es gibt keine verlässlichen Zeugnisse. Ja, ab und zu erzählt ein Mensch, der gerade aus einem Delirium erwacht ist, von Erscheinungen. Und das, ja, zugegeben, das ist auch eine Form von Realität. Und es gibt inzwischen eine Gruppe von Menschen, vielleicht könnte man sie als eine Kongregation betrachten, es gibt also eine Gruppe von Menschen, die haben sich dem Delirium verschrieben, nur um Erscheinungen zu erleben, der Sache mit den Engeln auf den Grund zu gehen, den eigenen Geist erweitern, und sich dadurch zu erhöhen, alles ist süsser Wahn, hat schon König Salomon gesagt. Und warum wohl führt bei vielen Kulturen der Weg zum Himmel nach dem Tode durch das Erdreich. Zwei Meter unter der Erde ist man dem Himmel näher. Das ist vielleicht kulturelles Instinktverhalten? Instinkt überlebt jahrtausend alte kulturelle Indoktrination. Vergleiche nur, obwohl das Beispiel absurd, degoutant ist, das Instinktverhalten von Hunden, die nach jedem Schiss, ihr Werk mit selbstbewussten Scharren der Hinterfüsse kommentieren. Instinktverhalten pur, zur Freude von Herrchen und Frauchchen.
Es kommt der Wind und deckt alles zu mit feinem Wüstensand. Darum weiss man heute auch nicht mehr so viel, über den Himmel, der sich im Erdinnern befindet. Aber das Rad ist rund, und die Zeiten werden wieder kommen, in der die Wahrheit siegen wird.