Sei ein blökendes Schaf
Auch unser Blöken wird nun lieblicher, ein paradiesisches Blöken. Wer kann das verstehen ausser wir Schafe.
Es war einmal, vor langer Zeit, als die Sonne sich noch freute, auf die Erde zu scheinen und der Mond in der Nacht in einem schelmischen Schein dahinzog, da gab es eine Herde Schafe. Diese Herde lebte wild auf einer flachen Ebene mitten im felsigen Gebirge. Kein Mensch war je zu dieser Herde hin gedrungen. Weit und breit kein Wolf. Saftiges grünes Gras, frisches Wasser in Hülle und Fülle. Es war das Paradies der Schafe auf dieser Welt. Freilich mussten sie auch sterben, wie alles Irdische. Doch darüber machten sie sich keine Gedanken. Sie lebten zufrieden in den Tag hinein. Aus heutiger Sicht ist das freilich schwer zu verstehen. Und als Mensch sowieso. Wir sprechen ja auch nicht vom Paradies der Menschen. Gleichwohl möchten wir uns hineindenken in dieses Paradies. Ok! Wenn du das willst, dann folge mir. Ich versetze mich jetzt in den Körper und in den Geist eines Schafes.
Ich bin ein Schaf, ein wolliges, liebes Schaf. Und versuche mich aus dieser Position an das Schafsparadies zu erinnern. Es in wehmütiger Sehnsucht aufleben zu lassen. Also blöke ich einmal kräftig. Zweimal, dreimal. Noch geschieht nichts. Also laufe ich ein paar Schritte und beginne von neuem zu blöken, diesmal ein paar Mal mehr und lauter. Ich sehe, wie sich ein paar Schafe aus meiner Herde auf mich zu bewegen. Sie kommen her zu mir, reiben sich an mir und streicheln meinen Körper mit ihrem Körper. Irgendwie verstehen sie meine Sehnsucht. Einzelne beginnen auch zu blöken. Weitere Schafe aus meiner Herde kommen zu uns. Wir sind uns nun sehr nahe. Leben in einer engen körperlichen Beziehung und blöken gemeinsam. V ereint ist unsere Sehnsucht sehr stark. Wir steigern uns in Trance. Blöken uns in Trance. Einzelne schauen schon total vergeistigt hinauf zum Himmel. Ihre gedrehten Hörner, wir sind gehörnte Schwarznasenschafe, werden plötzlich zu Antennen und empfangen die Wellen aus der Vergangenheit, aus dem Schafsparadies. Über diese Antennen gelangen die Wellen hinein in den Geist und in den Körper von uns Schafen. Wir fühlen uns ganz wohlig. Erschaudern. Unser Blick wird verträumt, glücklich. Wir sind plötzlich ganz leicht und meinen zu schweben. Wir spüren die Ewigkeit. So müssen Menschen sich fühlen, wenn sie in der totalen Meditation mit dem Universum eins werden.
Auch unser Blöken wird nun lieblicher, ein paradiesisches Blöken. Wer kann das verstehen ausser wir Schafe. Zweibeiner und graue Wölfe: euch haben wir vergessen. Wir könnten ewig so weiterleben, träumen, blöken, glückliche Schafe sein. Eben. Lasst uns doch diese Freude. Eigentlich möchte ich jetzt ein Schaf bleiben. Aber da ich ein Mensch bin, muss ich aus meiner Verwandlung z urück in meine gewohnte Umgebung. Bin nun wieder zurück auf dem Boden der Realität. Leise schwingt das paradiesische Blöken noch in mir mit. Wird mich nun dieses Blöken ein Leben lang begleiten? Tinnitus im Gehirn? Mir den Weg ins Nirwana öffnen?
So fahret denn hin, all die Yogis, Meditationsgurus, autogenen Meister, Priester, Psychologen, Philosophen, Beziehungstherapeuten….Sei wieder mehr Schaf. Einfach ein dummes, glückliches, blökendes Schaf. Mit den Antennen hin zum Paradies.